Die vergessene Wahrheit

Warum werden TKKG eigentlich nie älter? Diese Frage beschäftigt TKKG-Fans wie keine zweite. Wir haben die Antwort darauf!

Zu den immer aktuellen und brandheißen Themen die TKKG-Fans seit nunmehr fast einem Viertel Jahrhundert unter den Nägeln brennen, gehören zwei Grundsatzfragen: Erstens, gibt es die TKKG-Bande wirklich und zweitens, warum werden die Hauptfiguren nicht älter? Bereits vor knapp 20 Jahren hat TKKG-Schöpfer Rolf Kalmuczak alias Stefan Wolf darauf höchstpersönlich die definitiven Antworten gegeben. Aber entweder sind diese ungehört in den Weiten das Fandoms verhallt oder sie wurden im Laufe der Zeit schlicht und ergreifend vergessen. Deshalb soll in einem dreiteiligen Special an die „vergessene Wahrheit“ erinnert werden…  

1. Vom Paralleluniversum mit Jungbrunnen… Am Anfang dieses Artikels soll eine Annahme stehen. Die Annahme, dass die TKKG-Geschichten samt und sonders in einem zeitlosen, literarischen Paralleluniversum spielen, das dem unsrigen fast bis aufs Haar gleicht, aber eben nicht ganz und gar. So erklären sich zum einen ganz und gar reale Bezugspunkte (Aufzählung der Bundeskanzler in Band 90, Wiedervereinigung, D-Mark, Euro, Ossis, Wessis etc.).

 

TKKG mit Oskar

 

 

 

 

 

 

Die TKKG-Zeitung von 1984

 

Zum anderen lässt sich aber nur so erklären, dass Peter Timotheus Carsten, Karl Vierstein, Willi Sauerlich, Gabriele Glockner und Cockerspaniel Oskar nach nunmehr knapp 200 kleineren und größeren, detektivischen Abenteuern kaum merklich gealtert sind. Genauer gesagt sind sie fast genauso jung geblieben wie in den ersten Tramp-Taschenbüchern von 1979 als sie noch ganz am Anfang ihrer Karriere standen. Doch Gaby beispielsweise wurde seitdem in zig Abenteuern entführt, gefangen gehalten und wieder befreit. Allein von diesen seelischen Grausamkeiten müssten inzwischen ganze Heerscharen an Psychiatern reich und Gabys goldblonde Mähne schneeweiß geworden sein. Doch dem ist nicht so. Wie in einer Zeitblase geschützt, fällt die TKKG-Bande nach jedem Abenteuer wieder in einen Jungbrunnen und fängt putzmunter wieder von vorne an.

 

 

 

 

Diese Segnung des literarischen Lebens hat Stefan Wolf im Herbst/Winter 1984 in einem Artikel der TKKG-Zeitung für all jene erörtert, die ungläubig den „ewigen Sommer“ der TKKG-Bande bestaunten: „Es gib eine [...] Sorte Zeitgenossen, die überhaupt nicht altert und mit der Zahl ihrer Lenze durchaus zufrieden ist. [...] Nun, Leute: Serienhelden sind dem Leser vertraute Hauptfiguren in Buchreihen. Die Bücher sprechen eine bestimmte Lesergruppe an. In unserem Fall Kinder ab zehn. Hätte ich unsere Freunde während der Jahre älter werden lassen, wären sie in Lebensabschnitte aufgestiegen, die für euch noch Utopie (Zukunftsträume) sind. Also derzeit uninteressant. Klößchen wäre Direktor der väterlichen Schokoladenfabrik, Tarzan hätte Gaby geheiratet und würde als Bau-Ingenieur Wolkenkratzer am Mittelmeer errichten. Dr. Gabriele Carsten-Glockner ließe sich in ihrer Tierarzt-Praxis von kranken Hunden die Pfote geben. Karl wäre an der Uni „Mathe-Professor mit dem Computer-Gehirn“. Und jeden Monat würden sich die ehemaligen TKKGler am Stammtisch treffen, um über die herrliche Zeit ihrer Jugend zu sülzen.“

 

Stefan Wolf

 

 

 

 

 

 

Die vier von TKKG

 

Damit hat Stefan Wolf vor 20 Jahren freilich eine „Utopie“ geschildert, nach der sich viele Fans, die – im Gegensatz zu den Romanfiguren – mit den TKKG-Büchern älter geworden sind, damals wie heute die Finger lecken würden. Doch diese Erweiterung des literarischen TKKG-Universums auf Geschichten für Erwachsene steht noch aus und ob Wolf sich diesen Spaß je erlaubt, bleibt fraglich.

2. Das Erbe des „baumwollenen Serienhelden“ Stefan Wolfs Arbeit an TKKG folgt seit fast 25 Jahren der Erfolgslinie, die auf den vielen Serien-Gesetzen fußt, die er aus seiner Zeit als Autor der Jerry-Cotton-Romanheft-Reihe mitgebracht hat. Und dazu gehört es eben, dass TKKG nicht wirklich altern. Ein ehernes Gesetz, das er jedoch im Laufe der Zeit behutsam modifiziert hat. Dabei hat er es zwar nicht gebrochen, aber doch ein wenig gebeugt. So feiert Klößchen in Band 8 Auf der Spur der Vogeljäger seinen 13. Geburtstag und Tarzan/Tim ist laut Steckbrief „13 Jahre und ein paar Monate alt“, bis mit Band 72 Die Haie vom Lotus-Garten die neuen Steckbriefe eingeführt wurden. Von da an hieß und heißt es „Tim ist 14, aber seinem Alter geistig und körperlich weit voraus.“ Stefan Wolf hat damit zumindest oberflächlich erklärt, weshalb Tim/Tarzan sich stets erfolgreich gegenüber Erwachsenen behauptet. Ein häufiger Kritikpunkt von Fans an dieser Figur. Diese Änderung spiegelt sich auch in den Illustrationen von Reiner Stolte wieder. Reichte Tim/Tarzan seinem Kunstlehrer Dr. Pauling in Band 1 noch gerade bis zur Schulter und war sein Gesicht eher kindlich weich gezeichnet, hatte er in späteren Abenteuern immer Schulterschluss mit erwachsenen Figuren und sein neues Steckbrief-Porträt zeigt ab Band 72 deutlich markantere, härtere Gesichtszüge.

 

TKKG mit Oskar

 

 

 

 

 

 

Tim von 1979

 

Nichtsdestotrotz werfen viele Fans Stefan Wolf vor, dass er von Anfang an zu sehr an der Alters-Schraube gedreht und damit seine eigenen Grundsätze ad absurdum geführt habe. Tim/Tarzan, der nahezu unbesiegbare Superman, ist eben in seinem gesamten Verhalten, Aussehen und Tun meilenweit von dem eines Teenagers entfernt. Und somit ist er de facto schon ab Band 1 in einen dieser Lebensabschnitte aufgestiegen, die – laut Wolf – „für [die Leser] noch Utopie sind“. Es bleibt egal, ob sein Lebensalter 13, 14 oder 18 Jahre lautet und ob dieses Alter in Band 1 oder Band 100 genannt wird.

 

 

 

 

Abgesehen davon hat sich Wolf auch ein bisschen verrechnet. Die wenigsten Teens sind mit 13 Jahren schon Schüler in der 9. Klasse und vieles von dem Stoff, den insbesondere Tim/Tarzan und Karl drauf haben, lässt echte Schüler nur große Augen machen. Aber wie gesagt, akzeptiert man das Konstrukt des Paralleluniversums, kann man auch mit diesen Ausreißern einigermaßen leben. Seine alterslosen Schöpfungen haben Stefan Wolf überdies viele praktische Vorteile beim täglichen Schreiben gebracht. Mit 14 Jahren hätten Tim und Klößchen eigentlich aus dem Adlernest im 2. Stock des Internats in eine andere Bude umziehen müssen. Schon solch kleine Details in einem Serienuniversum sind aber geradezu eine Brutstätte für Anschlussfehler und erfordern die permanente Aufmerksamkeit des Autors.

 

Tim heute

 

 

 

 

 

 

Ausschnitte zweier TKKG-Cover

 

Dies ist auch einer der Gründe, weshalb sich Wolf so selten auf vorhergehende Abenteuer der TKKG-Bande bezieht. Er würde den Figuren damit so etwas wie eine Biographie geben. Er tut dies bei Der Schatz in der Drachenhöhle (Band 19), in dem er sich auf Personen und Handlungen aus dem vorherigen Band 18 Hexenjagd in Lerchenbach bezieht. Er wiederholt dies in Achtung: Die „Monsters“ kommen! (Band 51), in dem er sich auf eine Nebenfigur, Würgegriff-Paula, aus Sklaven für Wutawia (Band 50) bezieht. Doch selbst dies scheint einer Gesetzmäßigkeit zu folgen. Wolf bringt solche Anspielungen fast ausnahmslos in aufeinander folgenden Bänden. Zum einen hat er selbst kurz hintereinander an den Manuskripten gearbeitet, zum anderen besteht die Chance, dass die Leser die Ereignisse aus dem vorherigen Band noch nicht vergessen haben. Ansonsten umschifft er solche Untiefen meist, was dazu führt, dass die Bücher keine echte Kontinuität wie eine Daily Soap im Fernsehen haben. Mitschüler, beste Freundinnen und Lehrer des Quartetts werden in den Büchern en gros ausgetauscht und so werden immer neue Namen und Figuren vorgestellt. Es ist für Wolf leichter, stets neue Nebenfiguren zu erfinden als diese für den Widererkennungswert zu etablieren und auch deren Geschichte fortzuschreiben. Dass das erfolgreich geht, entgegen den Gesetzen der Serie, beweist J.K. Rowling mit ihren Harry-Potter-Büchern. Doch sie musste erst ihr ganzes Universum entwerfen und durchdenken, um Helden und Randfiguren miteinander zu verknüpfen und kontrolliert altern zu lassen. Dies funktioniert bei 7 fest definierten Bänden, doch bei mehr als 200 multimedialen Abenteuern würde dieses System an seine Grenzen stoßen. Vielleicht findet man sich deshalb doch lieber mit der ewig jungen TKKG-Bande ab.

3. Familienbande Das Alter einer Romanfigur ist eine Sache, ihre reale Existenz etwas ganz anderes. In der Regel wappnen sich die Autoren auf Seite 3 ihrer Romane mit der Formulierung „Die Handlung ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt“ gegen rechtliche Ansprüche und auch allzu menschliche Anfeindungen. Eigentlich berufen sich die meisten Erzähler fiktionaler Geschichten darauf, dass Geschichten und Figuren ihrer Fantasie entsprungen sind. Manche Schriftsteller geben sich aber auch offensiver. Bei Heinrich Böll heißt es: „Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung [...] sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“ Punkt. Im Falle von Stefan Wolf, der ausgewiesener Vielschreiber wie sein Kollege Wolfgang Hohlbein ist, verhält es sich nicht viel anders als bei der Mehrheit seiner Kollegen. Trotzdem wird auch er seit dem Erscheinen der ersten TKKG-Geschichten von Fans immer und immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob es seine Helden wirklich gibt. Die Intensität dieser Fragen, nötigte ihm im Mai 1983 ein höchst erstaunliches Eingeständnis ab, das sich als Grußwort auf dem Titel der TKKG-Zeitung Nr. 2 wieder fand. Darin ging es übrigens nicht nur um Peter Timotheus, Karl, Willi und Gabriele, sondern auch um Engelbert und Nina, das Duo aus seiner damals parallel erscheinenden, zweiten Pelikan-Reihe Tom & Locke.

 

TKKG-Zeitung von 1983 Stefan Wolf

 

 

 

 

 

 

Gaby Tom Karl Klößchen

 

„Während ich diese Zeilen schreibe, hat Nicki [der Vierbeiner aus Tom & Locke; Anm.d.Red.] seinen mächtigen Schädel auf meinen rechten Fuß gelegt und knabbert am Schuhriemen. Oskar macht Männchen vor einem blonden – sehr hübschen – Mädchen, das zwar nicht Gaby heißt, ihr aber aufs Haar gleicht. Wir sind sieben hier am Tisch – ohne die Hunde – und die Mädchen hoffnungslos in der Minderheit, nämlich zu zweit. [...] Und beide sind – Ehrenwort! – in Wirklichkeit noch netter als ich sie in meinen Büchern beschreiben kann. Neben der Blondine sitzt ein hoch gewachsener Junge. Würdet ihr ihn sehen – ich glaube, ihr wüsstet sofort, dass er mein Vorbild für Tarzan ist. [...] Ich wette, eines Tages wird er Europameister. Vielleicht seht ihr dann sein Bild in der Zeitung – und irgendwie kommt er euch bekannt vor.  Der Klügste in unserer Runde trägt Brille. Er weiß zwar nicht alles, büffelt aber mächtig, um Karl, dem Computer, immer ähnlicher zu werden. Sein Vater ist tatsächlich Professor. Alles stimmt also, nur der Name Vierstein nicht. [...] Tom ist der Älteste meiner jungen Freunde. Er und Tarzan – ich bleibe mal bei den Namen – reden seit einer halben Stunde über Karate und Judo, und es schwirrt nur so von Fachausdrücken, die aber den kleinen Dicken links neben mir überhaupt nicht interessieren.   Seit ich ihn als Willi Sauerlich in die TKKG-Bande eingeschleust habe (Band 1) wird er von allen Klößchen genannt. Er empfindet das als Ehre und gibt mir die Schuld für seine Naschsucht. (Ich glaube, er hat – seit wir hier sitzen – vier Stück Torte verputzt; und morgen muss er zum Zahnarzt, was aber seinen Humor nicht dämpft). [...] Wir treffen uns häufig – die Vorbilder zu meinen Romanfiguren und ich. Ich höre dann, was sie erleben, was sie bewegt, was sie wollen und erhoffen. Das ist der Stoff, der mich zu den Geschichten anregt, die ich für euch schreibe. Wobei ich meiner Fantasie die Sporen gebe, damit sie spannend werden [...].“

 

 

 

 

Was Stefan Wolf da vor zwanzig Jahren zu Protokoll gab, zeigt deutlich, dass er sich bei seinen ersten waschechten Jugendbuch-Projekten wirklich Mühe gab, um ganz nah an die Altersgruppe seiner Leserschaft heran zu kommen. Er hat den Vorbildern zu seinen Figuren, frei nach Luther, „auf’s Maul geschaut“. Bis heute hat er sich allerdings zur wahren Identität seiner Figuren ausgeschwiegen, wenn auch im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte zu vielen Fans durchgesickert ist, dass sich hinter Gabriele Glockner in Wirklichkeit eine ihm sehr nahe stehende Verwandte verbirgt.   Das liefert – pauschal betrachtet – auch gleich eine psychologische Erklärung dafür, weshalb Gaby, die Pfote, in den TKKG-Geschichten so über die Maßen gut behütet wird. Die „familiäre“ Fürsorge mag man Stefan Wolf nachsehen, auch wenn sie heutzutage nicht mehr ganz dem politisch korrekten Frauenbild entspricht… Was die Identität der anderen Figuren angeht, so beißt man sich auch bei tief gehender Recherche rasch die Zähne aus. Doch vielleicht ist das auch ganz gut so. Jeder muss mit sich selbst ausmachen, ob man Wolf so sehr auf die Pelle rücken und seine Entscheidung, bis heute zu schweigen, untergraben oder in Frage stellen will. Mit Sicherheit aber, hat die „reale“ TKKG-Bande ein gutes Recht darauf, ihr Leben weiter ungestört zu verbringen und im Hintergrund zu bleiben. Fest steht jedoch, dass die realen Vorbilder – im Gegensatz zu den literarischen Schöpfungen – mit den Jahren gealtert sind. Sie gehen inzwischen stramm auf die 40 zu, das sei verraten…

 

Gaby Gaby

Autor: Markus C. Breitfelder – Text © 11/2003 Weitere Recherche: David J. Ludwigs Zitate und Abbildung aus: TKKG-Zeitung Nr. 6 Herbst/Winter 1984 © 1984, Pelikan Verlag

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